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COMPOSERS
Series of 13 pictures
Inkjet-Prints, 70 x 100 cm, 2012

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Christoph Ueberhuber’s portraits of Austrian composers constitute
a virtual gallery of some of the most influential and famous figures
in Austria’s art music scene.

Their forms and colors give the pictures a dramatic expressiveness.
The style of the pictures can be considered to be a continuation of
Andy Warhol’s portraits in the realm of digital art.

In his book “Aesthetic Theory” the 20th century German philosopher
Theodor W. Adorno considered tension, breaks and contrasts to be
essential components to create harmony in works of art. Christoph
Ueberhuber’s pictures of Austrian composers emphasize such breaks
and contrasts.

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PETER WEINBERGER

MUSIKALISCHE UND BILDNERISCHE KOMPOSITIONEN

Musik, Bilder, bildende Kunst haben sehr viel gemeinsam. Musik ist die flüchtigste aller Künste: ein Ton, einmal gespielt, ist bereits Teil der Vergangenheit. In einem Konzert ist die kurze Zeitspanne zwischen dem Verklingen des letzten Tons und dem ersten Applaus so etwas wie ein transzendentales Moment, in dem das eben Gehörte geräuschlos ausklingt.

Im Prinzip sind Bilder ebenfalls nur Artefakte der Vergangenheit. Selbst das Spiegelbild eines Menschen, der sich am Morgen im Badezimmerspiegel betrachtet, entspricht nicht einer Ist-Zeit, sondern ist bereits etwa drei Mikrosekunden alt.

Was Musik und Bilder allerdings unterscheidet, ist deren materieller Endpunkt. Gemalte Bilder sind materiell vorhanden, können mit den Händen angegriffen werden. Sie können als Teil von Wohngefühl, sozusagen als Ambientedetail, sogar an eine Wand gehängt werden. Musik – heißt es allgemein – kann zwar konserviert werden, in der Form einer CD zum Beispiel, von dort „abgespielte“ Töne bleiben allerdings nichtmaterialisierbare Vergangenheitsereignisse.

Eines haben Musik und Bilder, bzw. bildende Kunst mit Sicherheit gemeinsam: sie können auch bloß „virtuell“ vorhanden sein. Erinnerungen, zum Beispiel, bestehen aus virtuellen Bildern. Aus Bildern, die im Gedächtnis gespeichert sind und die mitunter hohlspiegelartig verzerrt und unscharf sein können.

Virtuelle Musik entsteht nicht durch das Suchen von Tönen auf einem Musikinstrument. Virtuelle Musik ist erdachte Musik, die zwar nicht physisch, aber doch in ihrer Funktionalität oder Wirkung vorhanden ist. Gustav Mahler, zum Beispiel, hatte den Klang sämtlicher Instrumente eines Orchesters im Kopf. Fehlende, wie etwa den berühmten „großen Holzhammer“ ließ er anfertigen. Friedrich Cerha nannte ganz bewusst einige seiner Kompositionen „Spiegel“. Aber auch er hatte Stimmen und Stimmungen im Kopf, als es um die Niederschrift der „Keintate“ ging, einer Sammlung von kurzen Liedern nach Wiener Sprüchen seines Freundes Ernst Kein.

Christoph Überhuber hat sich als bildender Künstler der Musik genähert. In seinen dreizehn „Begegnungen mit österreichischen Komponisten“, einer Bilderserie, die vom 11. September bis zum 11. Oktober 2012 in der AKH-Galerie in Wien zu sehen ist, hat er den virtuellen Charakter der Musik eingefangen. So gesehen, musste er in den Bildern, obwohl als Porträts gedacht, das Gegenständliche darin stören, entfremden und verzerren.

Bruckner wird man nicht gerecht durch das Anfertigen eines Porträts eines gemütlich-bäuerlichen Oberösterreichers. Der Klang der Hörner in seinen Symphonien, der ihm als nachhallender Orgelklang vorschwebte, hat nichts Gegenständliches, bloß Bildhaftes an sich.

Das Transzendentale in Schuberts letzten Streichquartetten, das Brummen des zweiten Cellos in seinem berühmten Streichquintett lässt sich nicht mit jenem abgedroschenen, biedermeierlichen Porträt von ihm verbinden, das bei jeder sich bietenden Gelegenheit bemüht wird. In Christoph Überhubers „Begegnung mit Franz Schubert“ kann man die harte Stimme der ersten Violine in „Der Tod und das Mädchen“ hören, genau so wie das zweite Cello in seinem Streichquintett. Virtuell selbstverständlich bzw. schemenhaft aufgelöst in seiner bildhaften Darstellung.

Wenn Sie die Komponistenbilder betrachten, erinnern Sie sich bitte des virtuellen Charakters von Musik, denken Sie an jenes „Oh Wort, du Wort, das mir fehlt“, mit dem Schönbergs Oper „Moses und Aron“ in Stille endet, musik- und wortlos, und plötzlich werden Ihnen die Arbeiten aus Christoph Überhubers Bilderzyklus „Begegnungen mit österreichischen Komponisten“ fast vertraut vorkommen.

Wien, September 2012